Letzte Schritte

Den ganzen Tag lang hatte es abwechselnd geregnet oder geschneit. Und der Wind war eisig. Meine Regenjacke hatte endgültig ihren Status als solche verloren und auch die Schuhe hatten sich den Elementen gebeugt. Vor einer knappen Stunde haben wir gegen 16 Uhr unser Zelt aufgebaut und sind ohne Gepäck weitergelaufen. Weiter nach Norden. Und nun stehe ich hier, auf einem Felsen im äußersten Norden Norwegens. Unter mir rauschen die Wellen mit steter Regelmäßigkeit gegen die zerfurchte Küste, der Wind braust mir um die Ohren und nur gut einen Kilometer vor mir liegt der Ort, auf den ich seit so vielen Monaten zugelaufen bin. Hier, am Ende eines langgezogenen, spitz zulaufenden Felsvorsprunges namens Knivskjellodden, liegt der nördlichste Punkt Norwegens (wenn man von Spitzbergen absieht). Weniger bekannt als das touristische Nordkap und nur über einen Wanderweg erreichbar, ist dies für mich immer das eigentliche Ziel meiner Reise gewesen. Ich höre im mich hinein, frage mich wie ich mich eigentlich jetzt fühle, so kurz vor dem „Ziel“. So kurz, dass nun wirklich nichts mehr dazwischen kommen kann. Ich hatte mir immer vorgestellt, dass es ein überwältigender Moment sein müsste. Voller Stolz es geschafft zu haben, euphorisch und begeistert. Tatsächlich ist es irgendwie anders, als ich dann tatsächlich vor dem sehr unspektakulären Steinmonument stehe.  Mir ist nicht nach Jubelschreien oder Feiern zumute. Vielmehr bin ich eher ruhig und nachdenklich. Am liebsten würde ich mich einfach hier ganz alleine hinsetzen, aufs Meer hinausschauen und die letzten Monate Revue passieren lassen. Noch einmal im meinem Kopf all die Momente erleben, die so einprägsam waren. Noch einmal an all die Menschen denken, die mir begegnet sind. Noch einmal auf jedem einzelnen Berg stehen und die Aussicht genießen. Eine kleine Träne der Rührung bahnt sich ihren Weg, als die Gedanken zu fließen beginnen. Sie wird aber nur all zu schnell vom Wind davongetragen und die Kälte erinnert mich unmissverständlich daran, dass jetzt nicht der Zeitpunkt für langes Verweilen ist. Die Sonne ist bereits untergegangen, die Temperatur wieder unter den Gefrierpunkt gesunken und der Weg zurück zum Zelt dauert sicherlich noch eine Stunde. Und geht dabei über nasse, bald wohl auch eisige Felsen. Also, kurz noch ein, zwei Erinnerungsfotos machen und dann mit möglichst hoher Konzentration zurück. Es wird schnell dunkel und als wir schließlich kurz vor dem Zelt stehen, fängt es wieder an zu schneien. Also, schnell raus aus den nassen, kalten Sachen und hinein in den warmen Schlafsack. Zur Feier des Tages gibt es noch einen warmen Kakao und eine letzte Tüte Real Turmat. Alle unsere Sachen sind ein wenig feucht und ich merke, dass ich mich nun langsam doch darauf freue, dass morgen erstmal wieder eine Dusche und ein gemütliches Bett auf mich warten. Die letzten zehn Tage von Alta hierher in den äußersten Norden, waren körperlich noch einmal eine echte Herausforderung und haben das ein oder andere Körnchen Energie gekostet.

Eigentlich sagt man, Norge på langs sei geschafft, wenn man Alta erreicht hat. Das mag auch stimmen, denn es gibt die Möglichkeit von dort über die Straße bis ans Nordkap zu laufen. Das ist zwar sehr langweilig, aber bei fast allen Bedingungen möglich und vergleichsweise einfach. Nun hatte ich mir aber schon während der Planung vorgenommen, wann immer möglich auf Straßen zu verzichten und ins Gelände auszuweichen. Bis hierher ist mir das auch immer sehr erfolgreich gelungen und ich wollte, dass das so bleibt. Also ging es nach dem Pausetag in Alta direkt in Richtung Stabbursdalen Nationalpark. Ich war so froh die Stadt wieder zu verlassen, die vielen Menschen, Autos und nicht zuletzt das große Einkaufszentrum mit all seinen Lichtern, Musik und Eindrücken hatte mich nach den vielen Monaten in denen ich maximal kleine Ortschaften gesehen habe, wirklich vollkommen überfordert. Um nicht einen langen Umweg nach Südosten laufen zu müssen, hatte ich mir bereits zuhause eine Strecke zusammengestellt, die uns innerhalb von zwei Tagen relativ problemlos über Quadspuren (die Region wird intensiv von den Sami für die Rentierhaltung genutzt, daher gibt es eine Vielzahl solcher Wege) und weglos in Richtung Stabbursdalen bringen sollte.  Dort würden wir dann auf den Wanderweg treffen, der den Nationalpark einmal von Süd nach Nord durchquert. Gesagt, getan. Das Wetter war in den ersten zwei Tagen abgesehen von gelegentlichen kurzen Schneeschauern relativ beständig und mit knapp unter 0 Grad tagsüber auch durchaus angenehm zum Wandern. Deutlich kälter wurde es allerdings nachts. Am zweiten Morgen wachten wir wie so oft in letzter Zeit in einem tiefgefrorenen Zelt auf. Unsere feuchten Schuhe hatten sich in Eisblöcke verwandelt und ich wurde mal wieder schmerzhaft daran erinnert, dass man bei diesen Witterungsbedingungen gut daran tut, die Schuhe am Abend schön weit aufzumachen, um am Morgen die Füße überhaupt hinein zu bekommen. Auch die Quadspur, der wir an diesem Morgen für einige Zeit folgten, war tiefgefroren. Und zu allem Überfluss lag zudem darüber eine dünne Schneeschicht. Und so kam es dann: An einer abschüssigen Stelle passte ich für eine Millisekunde nicht auf, übersah das unter dem Schnee versteckte Eis, rutschte weg und kam mit ordentlichem Schwung zu Fall. Ich landete mit voller Wucht auf meinem hinteren Beckenkamm und der Schmerz, der meinen ganzen Körper durchfuhr, ließ alles um mich herum für einige Minuten schwarz werden. „Verdammter Mist“, durchfuhr es mich, „Da bin ich durch fast ganz Norwegen gelaufen, um mich so kurz vor dem Ziel zu verletzten. Auf einer verdammten Fahrspur?!“ Nach einigen Minuten am Boden und einem Schwall an nicht ganz leisen Flüchen, ließ der Schmerz jedoch zum Glück so weit nach, dass ich aufstehen konnte. Und auch Laufen ging nach einiger Zeit wieder. Die Schmerzen sollten mir allerdings bis zum Ende erhalten bleiben und ich sollte sicherlich – wenn ich in den kommenden Tagen zuhause bin – mal den Osteopathen meines Vertrauens konsultieren. 

Nachdem wir den DNT Weg im Stabbursdalen erreicht hatten, ging ich davon aus, dass nun der entspannte Teil folgen würde. Weit gefehlt, wie sich herausstellen sollte. Der Weg war nur mäßig markiert, verlor sich oft in einer Vielzahl an aufgeweichten Quadspuren und das Wetter war uns plötzlich gar nicht mehr so wohl gesonnen. Die Temperaturen kletterten immer wieder über 0 Grad, aus Schnee wurde Regen und es war unangenehm nass-kalt. Nicht nur einmal standen wir bis zu den Knien im tiefen Matsch oder balancierten über Stunden von einem Grashügel zum nächsten. Von den diversen Flußquerungen, die bei Minusgraden und Schneeregen ein ganz besonderes Erlebnis sind, mal ganz zu schweigen. Ich habe in dem vergangenen Monaten so viele verschiedene Gebiete bei unterschiedlichsten Wetterbedingungen durchquert, aber ganz ehrlich, die fünf Tage von Alta nach Olderfjord gehörten sicherlich zu den schwierigsten. 

Aber, trotz aller Hindernisse, stetig nasser Füße und schmerzender Hüfte, war es es im Endeffekt wert und ich würde mich wieder genauso entscheiden. Es gab so viele wunderbare Momente. Zum Beispiel, wenn morgen nach einer frostigen Nacht die ganze Landschaft im ersten Sonnenlicht glitzert. Oder wenn abends der Himmel aufreißt und die ersten Nordlichter zum Vorschein kommen. Das Gefühl, wenn man nach drei Tagen für eine Mittagspause an der einzigen witzig kleinen Rasthütte ankommt und nach wenigen Minuten der Ofen den kleinen Raum erwärmt. Die Weite und besondere Schönheit der Landschaft in der Finnmark ist wirklich nicht in Worte zu fassen und hat mich mit ihren besonderen Farben jeden Tag aufs Neue fasziniert. Das Gebiet wird intensiv für die Rentierhaltung genutzt und immer wieder folgt des Weg schier endlosen Rentierzäunen. Und wir hatten das Glück Zeugen eines ganz besonderen Schauspiels zu werden. Jedes Jahr im Herbst ziehen die Rentiere von der Küste gen Süden, zurück in die Hochebenen des Inlands, um hier den Winter zu verbringen. Und wir, von Süden kommend, sind mitten in diese Wanderung hinein gelaufen. Wir hatten uns schon gedacht, dass etwas besonderes vor sich geht. Immer wieder tauchten in der Ferne ATVs auf und als wir am Nachmittag des zweiten Tages im Tal ein provisorisches Zeltlager entdeckten und kurz darauf einen jungen Sami trafen, wurde aus der Vermutung Gewissheit. Ja, eine Herde von einigen tausend Tieren sei hinter dem nächsten Hügel und würde in unsere Richtung ziehen. Auf unsere Frage, ob wir irgendetwas beachten sollten, wusste der junge Mann allerdings auch nicht so recht einen Rat. Wohl nicht, wir sollten einfach wie geplant unseren Weg fortsetzten. Mit einer gewissen Anspannung, stiegen wir auf den nächsten Hügel. Zunächst war nichts zu entdecken. Aber dann, als unsere Augen sich mehr in die Ferne gerichtet hatten, sahen wir sie plötzlich. Auf allen Hängen und in allen kleinen Tälern nördlich von uns, bewegten sich kleine weiß-graue Punkte gemächlich auf uns zu. Nicht hektisch, nicht eng gedrängt, sondern ruhig und weit verteilt, zogen sie in gemächlichem Tempo dahin. Wir bauten unser Zelt auf und noch einige Stunden war rund um uns herum das charakteristische Knacken der Rentierhufe zu hören. 

Nach fünf Tagen mit durchwachsenem Wetter in schwierigem Gelände, kamen wir gehörig erschöpft in Olderfjord an. Die Wettervorhersage präsentierte Dauerregen für den kommenden Tag, sodass wir nicht lange zögerten und einen außerplanmäßigen Pausetag einlegten. Nicht zuletzt, weil die Hütte auf dem Campingplatz nicht nur sehr gemütlich war, sondern auch noch über einen herrlichen Meerblick bot. 

Am Montag ging es gut gestärkt weiter. Eigentlich war der Plan für drei Tage dem europäischen Fernwanderweg E1 folgen. Nun hatte aber Stefan beim Einkaufen einen Sami getroffen, der ihm empfohlen hatte, stattdessen lieber einer Quadspur zu folgen, die ziemlich direkt von der Stohpojohka Hütte zum Tunnel verlaufen würde. So könnten wir uns einige Kilometer sparen und das Terrain sei gerade bei den feuchten Bedingungen deutlich leichter zu gehen. Ich hatte schon so ein komisches Bauchgefühl, als wir morgens aufbrachen. Aber es war einfach so verlockend, gerade nachdem wir über Tage im Sumpf des Stabbursdalen gesteckt hatten. Am Anfang lief es auch super. Aber dann, nach gut eine Stunde, war sie plötzlich weg, die Quadspur. Und vor uns nichts, außer einer Vielzahl von Bergrücken und Tälern. Kurz suchten wir noch, aber nur zu schnell wurde klar, dass die vermeintliche Spur weniger ein Weg, als vielmehr eine Route sei, die man gut mit dem Quad fahren kann. Und so blieb uns nichts anderes übrig, als mal wieder querfeldein zu gehen und uns selbst die scheinbar beste Route zu suchen. Und auch wenn die Navigation denkbar einfach und das Terrain wirklich gut zu gehen war, brauchten wir schlußendlich doch fast zwei Tage, um von der Hütte zum Tunnel zu gelangen. 

Warum eigentlich Tunnel?, mag sich der Eine oder Andere fragen. Die Antwort ist denkbar einfach. Der nördlichste Punkt Norwegens und auch das Nordkap, liegen auf einer Insel. Und um auf diese Insel zu gelangen, muss man entweder gut schwimmen können (nicht so mein Fall) oder eben den 7km langen Tunnel durchqueren, der mit seinen 212m unter dem Meeresspiegel zeitgleich den niedrigsten Punkt meiner Tour darstellte. Wir erreichen den Tunnel am frühen Nachmittag und machen uns direkt auf den Weg in das feuchte und etwas stickige Dunkel. Eine etwas seltsame Erscheinung sind wir in den Augen der Autofahrer sicherlich. Wer erwartet schon Fußgänger in einem Tunnel unter dem Meer. Ich laufe vorne und trage eine Warnweste und meine Stirnlampe, Stefan läuft in der Mitte und Wendelin folgt am Ende unseres kleinen Zuges. Zur besseren Sichtbarkeit hat er seine Stirnlampe mit rotem Licht (ist ja schließlich das Rücklicht) hinten am Rucksack befestigt. Auf dem Fußweg im Tunnel kommen wir zügig voran und es ist deutlich angenehmer, als wir es uns im Vorfeld ausgemalt haben. Nur die Autos sind wahnsinnig laut. Man hört sie bereits aus großer Entfernung und es dröhnt so sehr, als würde sich ein großer Güterzug nähern. Aber wir sind guter Dinge, summen und singen vor uns hin. Und dann passiert etwas, was jedem Comic zur Ehre gereichen würde: Ich rede gerade davon, dass ich es kaum glauben kann, nun wirklich hier zu sein und versuche zeitgleich meine Stirnlampe auf dem Kopf zurecht zu rücken. Und dabei bin ich wohl einen kurzen Moment unaufmerksam. Es knallt gewaltig. Ich stolpere benommen zurück und mein Kopf schwirrt gehörig. Als ich mich wieder gefangen habe, breche ich und – kurz darauf – auch die anderen, in schallendes Gelächter aus. Ich bin mit voller Wucht gegen ein beleuchtetes (!) Schild gelaufen, das auf den Fußweg ragte. Oh man, da laufe ich seit Monaten auf schwierigsten Pfaden durch Norwegen und dann laufe ich in einem Tunnel, auf einem ebenen Fußweg, gegen ein Schild? Auf jeden Fall eine kleine Anekdote für die Bücher, würde ich sagen.  Nach knapp der Hälfte der Strecke beginnt der Tunnel wieder zu steigen und wir in unserer Regenkleidung ordentlich an zu schwitzen. Aber nach einer guten Stunde unter der Erde ist es geschafft und wir sehen wortwörtlich das Licht am Ende des Tunnels. Wir machen eine ausgedehnte Pause und verabschieden Stefan, der von hier nach Honningsvåg laufen wird, während es für Wendelin und mich direkt weiter nach Norden geht. Der Gedanke nicht zusammen mit ihm diese Wanderung zu beenden, stimmt mich traurig. Nach all den vielen Monaten, die wir immer wieder zusammen gelaufen sind und so unendlich viel gemeinsam erlebt haben. Aber seine Mutter wird extra anreisen, um ihm am Nordkap zu begrüßen. Allerdings erst in einigen Tagen. Und mir würde es einfach zu lange dauern darauf zu warten. Schließlich möchte ich auch noch in Ruhe zurückreisen können, bevor die Arbeit und der Alltag wieder ruft. 

Wir schlafen in der Nacht nicht all zu weit vom Tunnel entfernt und dann geht es am nächsten Tag direkt nach Norden bis zum Knivskjellodden. 

Und dann waren plötzlich nur noch 12km übrig. Denn auch, wenn mein eigentliches Ziel – der nördlichste Punkt Norwegens – schon erreicht war, wollte ich die Wanderung von jeher am Nordkapp beenden. Noch einmal habe ich im Zelt geschlafen, habe morgens Kaffee gekocht und Porridge gegessen. Habe meinen Rucksack gepackt, das Zelt abgebaut und bin losgelaufen. Und bei jeder dieser Handlungen, die mir in all den Monaten so sehr in Fleisch und Blut übergegangen sind, habe ich im Kopf gehabt, dass es das letzte Mal ist. Zumindest auf dieser Wanderung, in diesem Abenteuer. Mir war es enorm wichtig die letzten Kilometer zum Nordkap alleine zu laufen, um einfach noch mal ein wenig Zeit zum Nachdenken zu haben. Und so hat Wendelin sich ein wenig vor mir auf den Weg gemacht und ich war plötzlich wieder allein. Die Sonne schien und nur in der Ferne, über dem Meer konnte ich einige Schneeschauer ausmachen. Es war kalt und klar und der frische Schnee der Nacht bedeckte die gesamte Landschaft. Ich bewegte mich wie im Traum. Habe noch einmal die Playlist meiner Tour gehört und mich mit jedem Schritt, dem ich dem Nordkap näher kam, Stück für Stück von dieser Tour verabschiedet. Habe über lustige Momente geschmunzelt und zeitgleich geweint, weil es nun zu Ende ging. Es ist so erstaunlich, wie viele Emotionen man gleichzeitig empfinden kann. Da war die unbändige Freude, es wirklich geschafft zu haben. Tatsächlich die gesamte Strecke von über 2800km ausschließlich zu Fuß bewältigt zu haben. Zeitgleich war ich so erschöpft nach den letzten kalten und nassen Wochen. Und ich habe angefangen mich auf meine Freunde und meine Familie zu freuen, die ich in den letzten Monaten schon sehr vermisst habe. Und ich war so wehmütig, dass diese wunderbaren Monate voller Freiheit nun zu Ende gehen. Ich habe wirklich – und das ist keine Schönmalerei – jeden einzelnen Tag so genossen und immer ganz genau gewusst, warum ich diese Tour mache. Ich bin da draußen, in der großen Einsamkeit der norwegischen Berge, genau da, wo ich mich am wohlsten fühle. Ich bin vollkommen in meinem Element. Mir macht es nichts aus, dass ich manchmal zwei Wochen keine Dusche habe und im Zelt schlafe. Ich genieße es am Ende des Tages vollkommen erschöpft zu sein. Natürlich hat mir immer mal etwas weh getan und nein, auch ich empfinde nicht nur Freude dabei, bei Minusgraden kniehohe Flüsse zu durchwaten. Aber all die Herausforderungen und auch die Schmerzen, werden für mich niemals all das Positive aufwiegen. All die Erlebnisse, all die Begegnungen oder auch nur das Gefühl der absoluten inneren Ruhe, wenn ich morgens, mit meinem ersten Kaffee in der Hand, vor meinem Zelt sitze und die Welt um mich herum bewundere. Vor allem ist es aber eine große Dankbarkeit, die ich empfinde, als ich schließlich die letzte Steigung bezwinge und das große Besucherzentrum und Restaurant am Nordkap in meinen Blick rückt. Dankbarkeit dafür, dass ich die Chance hatte, dieses Abenteuer zu wagen. Dass ich gesundheitlich und finanziell dazu in der Lage war, meinen Traum in die Tat umzusetzen. Dafür, dass mein Arbeitgeber mich so völlig unbürokratisch freigestellt hat. Und vor allem für all die unzähligen besonderen Momente, bewegenden Begegnungen und atemberaubenden Erlebnisse auf meinem Weg. Ich habe so viel gesehen, so viel erlebt und so viel gelernt. Vor allem über mich selbst. Ich weiß einmal mehr was mich glücklich macht und wo ich hingehöre. Und auch was ich alles nicht brauche. 

Nun muss ich das alles nur noch irgendwie in meinen Alltag übertragenNeue Pläne machen und neue Abenteuer in Angriff nehmen. Und immer wieder mutig sein und den Sprung ins Ungewisse wagen. So wie vor genau 136 Tagen, als ich am Leuchtturm in Lindesnes stand und den ersten Schritt gen Norden gemacht habe. Und nicht erst jetzt, während ich die Treppe zum Globus hinaufgehe und damit die letzten Schritte meiner Wanderung mache, weiß ich ganz genau, dass es richtig war. Die Erfahrungen dieses Sommers werden mich noch lange begleiten und mir immer wieder die Kraft geben, neue Herausforderungen anzugehen.


Dies war er wohl nun, mein vorerst letzter Beitrag. Mittlerweile bin ich schon wieder auf dem Weg in Richtung Heimat. Zunächst ging es mit dem Schiff von Honnigsvåg nach Bodø und von dort mit dem Flieger nach Oslo. Jetzt sitze ich im Anschlussflug nach Hamburg, wo mich in gut einer Stunde meine Schwester in Empfang nehmen wird.

Danke an all jene, die meine Wanderung verfolgt und diesen Blog gelesen haben. Es war ein tolles Gefühl zu wissen, dass so viele von euch mich ein Stück weit begleitet und mitgefiebert haben.

19 Gedanken zu “Letzte Schritte

  1. Herzlichen Glückwunsch und vielen, vielen Dank für die tollen Berichte und die phantastischen Bilder. Es macht unglaublich viel Lust darauf einfach loszulaufen, aber der erste Schritt ist bekanntlich immer der Schwerste.
    Noch viele schöne solche Abenteuer wünscht (völlig unbekannterweise)
    Jürgen
    Es war mir wirklich ein großes Vergnügen, Ihnen auf Ihrer Tour folgen zu dürfen!

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  2. Andreas

    Hallo Swantje, herzlichen Glückwunsch zum Erreichen Deines Zieles! Die ambivalente Stimmung am Ziel hatte ich auch, als ich vor 2 Jahren mit dem Fahrrad am Nordkap ankam: Stolz und Freude, dass man es geschafft hat. Aber auch etwas Traurigkeit, dass es jetzt „vorbei“ ist. Bewahre Dir Deine tollen Erlebnisse auf dass sie Dir noch lange Kraft im Alltag geben. Es hat Spass gemacht, Deinem wirklich tollen Blog zu folgen. Vielen Dank dafür und Dir alles Gute!
    Andreas aus Winsen

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    1. Hallo Andreas, vielen Dank! Es ist nach wie vor ein wenig seltsam wieder zuhause zu sein, aber das ging Dir sicherlich nicht anders.
      Aber die Erinnerung bleibt und es wird sicherlich nicht lange dauern bis ich Pläne für ein weiteres kleines oder großes Abenteuer habe.
      Viele Grüße nach Winsen

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  3. Iris

    Herzlichen Glückwunsch und vielen danke, dass ich dabei sein durfte. Ich habe ihre Berichte mit Begeisterung und voller Bewunderung für ihre Leistung gelesen und mich an den wunderschönen Bildern ergötzt.
    Alles gute für Zukunft wünscht Iris

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  4. Marcus

    GRATULATION!!!

    Ich habe deine monatelange Wanderung verfolgt und freue mich unheimlich, dass du es tatsächlich geschafft hast.
    Einfach waren die Wetterverhältnisse ja nicht gerade und du bist gerade noch rechtzeitig am Ziel.
    Ich wohne genau am 70.Breitengrad und kann wohl ein wenig mitempfinden wie es Dir in Nordnorge gegangen ist.

    Danke, dass du uns auf deinem Abenteuer mitgenommen hast.

    Tusen takk og mange hilsen!
    Marcus

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    1. Hej Marcus, vielen lieben Dank! Und ja, die letzten zwei Wochen hatten es wettertechnisch auf jeden Fall in sich. Aber man kann ja auch nicht die ganze Zeit so vom Glück verfolgt sein;-).
      Herzliche Grüße in den Norden! Ach, wie gerne wäre ich noch dort.

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    1. Anja

      Geschafft – eine unglaubliche und sehr intensive Tour ist vorbei. Allein die passive Teilnahme über diesen Blog ist derart berührend, dass man ein ganz wenig erahnen kann, wie bewegend es unterwegs gewesen sein muss.
      Herzlichen Glückwunsch zu dem Mut, der Entschlossenheit und der Kraft, diesen Weg gegangen zu sein!
      Und vielen Dank, dass wir über diesen Blog mit den intensiven Berichten und wunderschönen und beeindruckenden Fotos daran teilhaben durften!

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  5. Katrin

    Ganz herzlichen Dank für Ihren wunderbaren und berührenden Bericht und herzlichen Glückwunsch zum Erreichen Ihres Ziels. Ich habe Ihren Weg den ganzen Sommer fasziniert verfolgt. Vielen Dank für’s Mitnehmen!

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  6. Hans Schoolderman

    What a great story to read Swantje. I always look forward to read your latest blog. Congratulations with your accomplishment of your Norge på langs. It is inspirational for me and I think for many other. Good luck with getting used again to the ’normal‘. All the best, Hans, Fjällnäs Camping & Lodges

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    1. Hans! So nice to hear from you! The time spend in Fjällnäs and yours and Winnifred’s hospitality is still one of my best memories this summer. Definitely coming back one day. Enjoy your first winter season!

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  7. Anne

    Grattis! og Takk for turen! Auch ich habe Dir den ganzen Sommer über gefolgt und mich auf neue Berichte gefreut, und bin ein wenig traurig, dass nun keine mehr folgen werden. Aber angesichts des Winterwetters ist es sicher schön, nun wieder zu Hause schlafen zu können. Weiterhin alles Gute, Anne

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    1. Tusen Takk! Es ist mir wirklich eine Freude, dass ich einen kleinen Einblick geben konnte. Und wer weiß, es werden hoffentlich noch ein paar Abenteuer folgen. Und dann werde ich sicherlich wieder darüber berichten. Viele Grüße

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  8. Anonymous

    Danke Swantje und Hut ab!
    Auch ich habe deinen Blog und deine Tour verfolgt und finde deinen Mut und deine innere Stärke sehr inspirierend. Doris hatte mir von deinem Vorhaben erzählt und ich konnte es nicht lassen, mich ab und zu in die Natur Norwegens mithilfe von dir zu beamen.
    Grüße von Annelie Weißel und Grüße auch an Wendelin

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  9. Herzlichen Glückwunsch!
    Und vielen Dank für die vielen ausführlichen Beiträge sowie die tollen Fotos.
    Ich kenne dieses Gefühl aus Stolz, es geschafft zu haben, Wehmut, dass es nun vorbei ist, und tausend anderen Emotionen sehr gut, es hat mich sehr berührt, hier von den gleichen Gefühlen zu lesen.
    Ich wünsche noch viele weitere schöne Abenteuer!

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