Die Hälfte ist geschafft!

Ich weiß auch nicht so recht warum, aber seit ich mit der Planung meines Norge på langs Abenteuers begonnen habe, war das Erreichen von Umbukta ein wesentlicher Meilenstein in meinem Kopf. Vielleicht, weil es bedeutet, dass die Hälfte der Strecke hinter mir liegt. Nach über 1550 gelaufenen Kilometern, bin ich gestern hier in diesem kleinen Ort in mitten von Nirgendwo angekommen, der von manchen als das Herz von Norge på langs bezeichnet wird. Und das sicherlich nicht ohne Grund. Thor Inge, der Besitzer der hiesigen Fjellstue ist die Strecke selbst gelaufen, sogar zweimal, einmal im Sommer, einmal im Winter. Jeder Norge på langs Wanderer, der hier vorbeikommt – und die meisten kommen hier vorbei – darf eine Nacht kostenlos in dem kleinen Stabbur, einem alten umgebauten Lagerhaus, übernachten. Aber es ist nicht nur das, sondern vielmehr die Herzlichkeit mit der man hier von allen empfangen wird. Sei es von Maria, die unter anderem das Café betreibt und uns nach unser Ankunft erst einmal mit einem großen Burger mit Pommes versorgt hat. Oder von Solve, dem guten Geist des Hauses und Mädchen für alles, der extra heute noch mal nach Mo i Rana gefahren ist, um mein Paket abzuholen. So fällt es um so leichter sich von der vergangenen Etappe zu erholen und Energie (gerne in Form von Waffeln und Co.) für die kommenden Abschnitte zu tanken.

Der Weg von Røyrvik hierher war landschaftlich ein Traum. Nicht so ein Traum war das Wetter, das mir zum ersten Mal seit dem Start in Lindesnes nicht so wohl gesonnen war. Eine Regenfront folgte der nächsten und so richtig trocken bin ich eigentlich nie geworden. Zudem sind die Temperaturen zwischenzeitlich ordentlich in den Keller gegangen. Aber: Auch das gehört dazu und wer einmal in einer solchen Wetterlage im norwegischen Fjell unterwegs war, weiß, dass der Anblick herannahender Wolkenfronten in dieser Landschaft an Dramatik kaum zu überbieten ist. Somit hat alles in gewisser Weise seinen Reiz.

Von Røyrvik ging es zunächst die 15km auf der Straße bis zum Namsvatnet, dem Eingangstor des Børgefjell Nationalparks und dann mit dem Boot über den See. Der See ist zu Fuß kaum zu umrunden, es gibt keinerlei Pfade, lediglich eine Menge Sumpf und Gestrüpp. Folglich nutzen fast alle Norge på langs Wanderer ein kleines Shuttle Boot, das einmal täglich verkehrt und auf Vorbestellung bis zum 6 Personen befördern kann. Die durchaus rasante Fahrt über den See war nach Monaten des zu Fußgehens mit einer maximalen Geschwindigkeit von 5-6km/h an sich schon ein einprägsames Erlebnis. Ein echter Geschwindigkeitsrausch. Das eigentlich beeindruckende war allerdings der Ausblick auf die Ufer und die umliegenden Berge. Ich hatte das Gefühl mich mit jeder Minute noch weiter von der Zivilisation zu entfernen, als man es in Norwegen eh schon grundsätzlich fast immer ist. Das Gefühl von grenzenloser Weite und der Anblick der vorbeiziehenden Ufer, hat mich intensiv an den Norden Kanadas und meine Tour auf dem Yukon vor einigen Jahren erinnert. Entsprechend voller positiver Erwartung bin ich am Ende des Sees von Bord gegangen. Und ich wurde nicht enttäuscht, das Børgefjell ist auf vielfältige Art ein echtes Juwel und gerade seine Weglosigkeit trägt meiner Meinung nach dazu bei, dass das Gefühl echter Einsamkeit und Abgeschiedenheit erhalten bleibt, auch wenn das Gebiet an sich gar nicht so groß ist. Innerhalb von zwei Tagen sind wir vom Ufer des Namsvatnet hinauf bis in die felsigen Höhen und dann auf der anderen Seite wieder hinunter in feuchte, grüne Täler gelaufen. Leider meist begleitet von einem stürmischen Wind, der nicht nur die Suche nach geeigneten Pausenplätzen herausfordernd gemacht, sondern auch unseren Zelten einiges abverlangt hat. Aber, schön war es trotzdem.

Nach dem Børgefjell folgte der Einstieg in die Nordlandruta, eine relativ unbekannte und wilde Wanderoute entlang der schwedisch – norwegischen Grenze. Auch wenn in den kommenden Tagen ein Schauer den nächsten jagte, war ich von Beginn an völlig Feuer und Flamme für diesen Weg. Wobei ‚Weg‘ ein wenig zu hoch gegriffen ist. Es ist eher eine markierte Route, einen Weg sucht man meist vergebens. Vielleicht war es ein Stück weit auch genau diese ganz bestimmte Wetterlage, mit den tiefhängenden Wolken, dem Nebel und dem oft diffusen Licht. Nicht nur einmal habe ich gedacht, dass die Landschaft einem jeden Tolkien Film zur Ehre gereichen würde. Ich hätte mich wohl kaum gewundert, wenn zwischen den grünen Hügeln plötzlich ein Elf, Zwerg oder Zauberer aufgetaucht wäre. Auf der Strecke von Süd nach Nord folgt ein Höhenzug dem nächsten und jedes Tal wird dominiert von einem großen See. Die Tage zogen dahin und mit ihnen die Kilometer. Es würde den Rahmen sprengen, von all den kleinen und großen besonderen Erlebnissen zu berichten (ich muss heute schließlich auch noch Wäsche waschen, viel essen, meinen Rucksack neu packen,…). Aber ich möchte euch gerne an einigen Highlights teilhaben lassen.

Ein kleines Highlight war eine Flußüberquerung kurz hinter dem nördlichen Ende des Børgefjells, am Daningen See. Kurz stockte mir der Atem, als ich mich der vermeintlichen Brücke näherte. Denn zu sehen waren aus der Ferne lediglich zwei parallele Seile. Etwa so sehen unmontierte Sommerbrücken aus der Ferne oft aus. War die Brücke etwa abgebaut? Aber nein, weit gefehlt. Am Ufer lag ein kleines rotes Boot und die Seile waren Teil eines Seilzuges mit Hilfe dessen man sich im Boot sitzend (oder stehend für die Wagemutigen) ans anderen Ufer ziehen konnte. So ganz einwandfrei lief das Ganze nicht, aber dennoch, es war ein Heidenspaß. Ob Stefan das allerdings auch noch so sah, als er endlich drüben ankam und dann feststellen musste, dass er seine Stöcke auf der anderen Seite vergessen hatte, weiß ich allerdings nicht. Ich bin dann einfach schon mal weitergelaufen.

Ein weiteres Highlight war eines der Art, wie ich sie bereits seit Beginn meiner Wanderung immer wieder erlebe. Es war zugegebenermaßen ein wirklich unangenehmer Tag. Seit den frühen Morgenstunden hatte es durchgängig geregnet und ich war eindeutlich bis auf die Haut nass. Gegen Mittag traf ich Stefan, der relativ erfolglos versucht hatte unter einem Baum eine einigermaßen trockene Pause zu verbringen. Nach kurzer Überlegung entschlossen wir uns derartige Versuche wegen ihrer geringen Aussicht auf Erfolg lieber bleiben zu lassen und wenigstens noch bis zur nächsten privaten Hütte in Tverrelves zu laufen und uns dort vielleicht ein paar Stunden am Ofen aufzuwärmen und was Warmes zu Essen. Gesagt, getan, wir näherten uns dem Hof, der besagte Hütte beheimatet, die Tür des Wohnhauses öffnete sich und ein junger Mann kann heraus. Nach kurzem Gespräch lud er uns ein, uns im Haus aufzuwärmen und servierte uns zudem wunderbare Brötchen mit Käse und Marmelade. Dazu gab es auch noch Kaffee. Besser hätte es genau an diesem Tag einfach nicht laufen können. Im Gespräch stellte sich heraus, dass das Ganze eine Art Tradition sei. Jeder Norge på langs Wanderer der vorbeikommt, wird von der Familie zu Bøllern und Kaffee eingeladen. Ganz ehrlich, die Gastfreundschaft der Norweger verblüfft mich auch nach knapp 3 Monaten immer wieder.

Das dritte Highlight ist ein echter magischer Moment. Am Tag nach der Einladung zu NPL Bøllern und Kaffee, sind wir nur einen halben Tag gelaufen und haben den Nachmittag und die Nacht in der Krutvasshytta verbracht, uns ausgeruht und Sachen getrocknet. Entsprechend früh war ich am folgenden Morgen auf den Beinen. Nachts hatte es zum ersten Mal gefroren, auf den Stufen zur Hütte hatte sich Eis gebildet. Durch den dichten Nebel war die Sonne zu erahnen und es war eine sehr besondere Stimmung, als ich mich gegen halb acht auf den Weg gemacht habe. Die kommenden zwei Stunden bin ich durch den dichten Nebel langsam aber stetig auf den nächsten Höhenrücken gestiegen, teilweise war die Sicht so schlecht, dass ich kaum die nächste Markierung sehen konnte. Und dann, gerade als ich den höchsten Punkt erreicht hatte, riss von jetzt auf gleich der Nebel auf, die Sonne brach durch und gab innerhalb von wenigen Minuten den Blick frei auf Seen, Hügel und die umliegenden, schneebefleckte Berge. Und mitten in der sich eröffnenden Szenerie stand völlig ruhig eine große Herde Rentiere und nahm keinerlei Notiz von mir. Ich war so fasziniert von dem sich mir bietenden Schauspiel, dass ich mich erst einmal hinsetzen und für einige Minuten still dasitzen musste.

Es gäbe noch so viel mehr zu berichten, von besonderen Momenten, amüsanten Situationen und herzlichen Begegnungen. Aber das spare ich mir an dieser Stelle. Denn gleich erwartete mich noch ein weiteres Highlight. Völlig überraschend hat sich gestern Hannes, ein Freund aus Deutschland bei mir gemeldet. Er und seine Freundin Franzi seien mit dem Bus ganz in meiner Nähe und hätten sich gefragt, ob ich vielleicht Lust auf einen kleinen Besuch hätte. Klar hab ich das, besser könnte es ja gar nicht passen. Und da die Beiden sicherlich gleich auf den Hof der Fjellstue rollen, beende ich an dieser Stelle meinen Bericht.

Morgen geht es dann mit vollem Rucksack weiter in Richtung Sulitjelma. Auf dem Weg dorthin werde ich ca. vier bis fünf Tagen den Polarkreis überqueren. Für mich ein weiterer wichtiger Meilenstein auf dem Weg nach Norden.

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