Sommerpause

Es ist einige Zeit vergangen seit meinem letzten Beitrag. Das hat verschiedene Gründe. Vor allem lag es daran, dass ich seit Vinstra keinen Pausetag mehr hatte. Und da ich mir zum Schreiben gerne ein wenig Zeit nehme, passte es bisher einfach nicht wirklich. Es liegt aber sicherlich auch ein bisschen an dem entspannten Sommergefühl, dem ich seit dem Start in die Rondane erlegen bin. Man könnte sagen, ich sei in der Sommerpause.

Mein letzter Beitrag endete mit dem Hinweis auf Neuschnee und Minusgrade. Nur wenige Tage später und je weiter ich nach Osten kam, wurde es dann Schritt für Schritt immer wärmer und sonniger. Die 11-tägige Etappe hier nach Fjällnäs ist wie im Fluge vergangen. Vielleicht lag es am Wetter, vielleicht auch an der Landschaft, die zwar wunderschön, aber weniger spektakulär ist, als die vorherigen. Die Tage folgen einem immer gleichen Rhythmus, man kann bei diesem Wetter die Pausen genau so machen wie es einem beliebt und ist nicht davon abhängig einen windgeschützten Platz zu finden. Ich habe fast jeden Tag in einem Fluß oder See gebadet und endlich gab es Abende am Lagerfeuer. Das einzige was die Idylle ein klein wenig trübt, sind die Heerscharen an Mücken, die nun endgültig zur Hochform auflaufen.

Von Vinstra ging es zunächst in die südliche Rondane. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, den Weg durch das Zentrum diesen Wandergebietes zu laufen. Zum einen bin ich bereits im vergangene Jahr dort gewesen und die Strecke über den Süden ist deutlich kürzer und bot den besseren Anschluss an das nächste Gebiet. Zum anderen ergab sich so die Möglichkeit den größeren Touristenströmen zu entgehen, denn gerade rund um Rondvassbu ist um diese Jahreszeit einiges los. Und der Süden ist mindestens ebenso sehenswert. Die Berge sind deutlich runder und weniger schroff, als die, die in in den vergangenen Wochen meinem Weg gesäumt haben. Sie sind fast vollständig von einem grün-gelbliche Moos gedeckt, das sehr charakteristisch für diese Region ist und dem ganzen Bild einen hellen und fast sanften Anblick verleiht. Obwohl das Gebiet eher trocken ist, gibt es wunderschöne Flußläufe und kleine Seen. Bedingt durch die Routenwahl ging es bereits nach zwei Tagen hinüber über den Rondanevegen und hinauf ins Alvdal Vestfjell. Landschaftlich sehr ähnlich, ist dieses Gebiet sehr viel weniger besucht und bereits letztes Jahr habe ich mich ein wenig verliebt. Es gibt kleine, sehr schöne Hütten und auf dem Weg gen Osten, wechseln Wald- und Berglandschaften sich stetig ab und erlauben immer wieder fantastische Ausblicke auf die Berge der Rondane. Am zweiten Tag in diesem Gebiet, auf dem Weg zwischen der Storgrytdalseter Hütte und der Korsberghytta, gab es für mich ein ganz besonderes Highlight. Es war schon fast Abend, die Füße wurden langsam müde und die Gedanken an einen baldigen Zeltplatz und ein Abendessen immer drängender, als plötzlich nur ca. 80m entfernt und mitten auf einer offenen Fläche oberhalb der Baumgrenze ein großer Elch stand. Eine gefühlte Ewigkeit konnte ich mit den Augen seinem Weg über die Ebene folgen, ein wirklich besonderes Erlebnis. Wenn man auf dem letzten Bergkamm des Alvdal Vestfjells steht, öffnet sich zum ersten Mal der Blick auf die Berge im Osten, im Grenzgebiet zu Schweden und somit auf meinen weiteren Weg. Zunächst ging es aber nach nunmehr fünf Tagen hinunter nach Alvdal. Ich hatte mich kurzfristig entschieden einen Teil meines Versorgungspaketes von Vinstra hierher weiterzuschicken, um das Gewicht meines Rucksackes zu reduzieren. Nach einem kurzen Stopp am Supermarkt (der auch die Poststelle beheimatet), ging es jedoch noch am selben Abend einige Kilometer weiter.

Von hier aus war meine Routenplanung ein wenig experimentell. Es gibt die Möglichkeit von Alvdal ca. 30km die Straße entlang nach Norden zu laufen und dort in Tynset Anschluss an einen DNT Wanderweg gen Osten zu bekommen. Da ich mir aber schon bei der Planung vorgenommen hatte, so wenig Straße wie möglich zu laufen, hatte ich eine Route ausgearbeitet, die direkt von Alvdal nach Osten über meist unmarkierte Pfade verlief. Ob es klug war, mag ich nicht abschließend beurteilen, abenteuerlich war es in jeden Fall und ich habe definitiv Ecken gesehen, die sonst nur wenige Touristen zu Gesicht bekommen. Man muss dazu wissen, dass diese lokale Pfade, die ich genutzt habe, zwar häufig schon sehr lange bestehen, aber gleichzeitig wenig begangen werden. Und gerade jetzt, wo die Vegetation hier förmlich explodiert, kann es durchaus sein, dass man sich zwar vorstellen kann, dass da mal ein Pfad war, sehen muss man ihm dadurch allerdings noch lange nicht. Oberhalb der Baumgrenze ist es hingegen auch gerne einfach mal so, dass sich der mutmaßlich Pfad als Tierspur entpuppt und schließlich im Sumpf endet. Ziemlich regelmäßig sogar. Irgendwann, wenn man zum wiederholten Male verzweifelt nach dem Weg sucht, keimt dann die Erkenntnis, dass es wohl oft besser ist, den vermeintlichen Pfad aufzugeben und einfach nach Kompass in die entsprechenden Richtung zu laufen. Nach zwei anstrengenden Tagen im Unterholz und mit oft mehr als einem halben Bein im Sumpf, habe ich dann Anschluß an den DNT Weg gefunden. Von dort aus ging es deutlich einfacher und schneller voran. Am Sonntag der vergangenen Woche bin ich in der Rausjødalenhütte angekommen. Nach sieben Nächten im Zelt war es enorm angenehm eine Nacht in der kleinen und sehr gemütlichen Hütte zu verbringen. Zumal ich sie ganz für mich alleine hatte und es prompt in dieser Nacht zum ersten Mal seit einer gefühlten Ewigkeit geregnet hat. Die Hütte steht auf einer kleinen Alm unterhalb des sehr charakteristischen Rausjøpiggen. Nebenan liegt die Rausjødalen Setermeieri, Nordeuropas älteste Almmeierei. Leider bin ich erst am Abend angekommen und am nächsten Vormittag zu früh weitergelaufen, um dort etwas zu essen. Man hat mir allerdings berichtet, die Waffeln dort gehörten zu den besten Norwegens. Von Rausjødalen ging es bei Nieselregen nach Ellefsplass, einer eher ungewöhnlichen DNT „Hütte“. Eigentlich ist es gar keine Hütte, sondern vielmehr ein Wohnhaus und ein Teil davon steht den DNT Mitgliedern zur Verfügung. Es gibt Strom und fließend Wasser und – was nach 8 Tagen mit viel Wärme, Sonnencreme und Mückenspray das eigentliche Highlight war – eine Dusche! Nun trennte mich nur noch eine Tagesetappe vom Femundsee, dem Punkt an dem mein Kurs endlich direkt auf Nord drehen würde. Spätestens als ich in der Abendsonne, nach insgesamt 10 Stunden, kurz vor Jonasvollen den See zu meinen Füßen liegen sah, war ich der Magie dieses Streckenabschnittes erlegen. Ich kann wirklich jedem nur empfehlen, sich mal ein wenig Zeit zu nehmen und die Region zwischen Alvdal und dem Femundsee zu erkunden. Es sind wenig spektakuläre Wasserfälle und bizarren Felsformationen zu erwarten. Die Schönheit liegt viel mehr in der Vielfältigkeit der Landschaft, der Einsamkeit, den kleinen alten Gehöften auf abgelegene Almen. Und nur selten hatte ich bis hierher so gigantische 360Grad Ausblicke. Und nach Tagen in denen sich Berge und Täler stetig abwechseln, steht man dann plötzlich mitten in der Femundsmarka, einem Seengebiet, das sofort mein Kajakherz höher schlagen ließ.

Vielleicht bin ich auch ein wenig voreingenommen. Denn ich hatte das große Glück die letzte Etappe immer mal wieder zusammen mit Stefan zu laufen, jenem Norge på langs Wanderer, den ich bereits in meiner allerersten DNT Hütte getroffen habe. Neben der Tatsache, dass er einfach ein sehr angenehmer Zeitgenosse ist, kommt er genau hier aus dieser Region und hat mich fortwährend mit Informationen rund um die hiesige Geschichte, Kultur und Geologie versorgt. Gespickt mit einigen persönlichen Anekdoten versteht sich. Mit solch individueller Reisebegleitung, erlebt man sicherlich ein Gebiet aus einen vollkommen neuen Blickwinkel.

Stefans Mutter lebt direkt am Femundsee in einem wunderschönen, selbstgebauten Holzhaus in Jonasvollen. Hier gab es dann nach der langen Etappe von Ellefsplass erst ein sehr erfrischendes Bad im See, dann eine warme Dusche und schließlich einen der besten Elcheintöpfe, die ich je gegessen habe. Vom selbstgeschossenen Elch versteht sich. Es war ein langer, sehr lustiger Abend und ich werde sicherlich die Einladung annehmen und irgendwann, nach meiner Wanderung, noch einmal wiederkommen. Dann bringe ich aber sicher mein Kajak mit.

Irgendwann im Laufe des Abends hat sie uns gefragt, was eigentlich das Beste und was das Schlechteste an dieser Wanderung ist. Ich habe darüber lange nachdachte, auch noch als ich an den kommenden zwei Tagen alleine von Jonasvollen in zwei sehr langen Tagesetappen hierher nach Fjällnäs gelaufen bin. Die Frage nach der besten Sache, ist für mich sehr schnell beantwortet: Es ist dieses kaum in Worte zu fassende unbändige Freiheitsgefühl. Ich habe keinerlei Verpflichtungen, kann jeden Tag entscheiden, wie lange ich laufen möchte, wo ich anhalte und mein Zelt aufschlage. Ich habe Zeit, kann in Ruhe meinen Gedanken nachhängen und die Tatsache, dass es noch Monate so weitergeht, löst bei mir eine Zufriedenheit aus, die ich Alltag selten in dem Maß habe. Ich fühle mich im Hier und Jetzt und bin ganz sicher genau dort zu sein, wo ich gerade sein sollte. Die Frage nach der schlechtesten Sache hat mir mehr Kopfzerbrechen bereitet. Denn all die kleinen nervigen Dinge, wie schmerzende Füße, juckende Mückenstiche und die Eintönigkeit meines Essens, wiegen selbst zusammengenommen nicht diese tiefe Zufriedenheit auf. Ich bin für mich zu dem Schluß gekommen, dass es vielleicht die Tatsache ist, dass es irgendwann ein Ende haben wird. Und ich dann wohl noch viel mehr als vorher schon, immer auf der Suche nach diesem großem Gefühl von Freiheit sein werde. Aber das ist noch lange hin, darum freue ich mich jetzt erstmal, dass ich noch unterwegs sein kann.

Auf das Ankommen in Fjällnäs habe ich mich schon sehr lange gefreut. Als ich im Februar meine Anfragen wegen der Versorgungspakte gestellt habe, war Hans, der mit seiner Frau den Campingplatz hier seit dieser Saison betreibt, einer der ersten, der mir geantwortet hat. Seither haben wir immer mal kurz Kontakt gehabt und er ist sogar zweimal für mich ins 25km entfernte Funäsdalen gefahren, um mein Paket abzuholen, dass natürlich mal wieder nicht da angekommen war, wo es eigentlich hinsollte. Das eigentliche Highlight war aber, dass ich mich hier sehr spontan mit Sonja und Lasse, meiner Schwester und meinem Schwager, getroffen habe. Die Beiden reisen gerade mit dem Bulli einige Wochen durch den Norden und es war wunderbar meinen Pausetag mit ihnen zu verbringen. Zumal sie vorher den Bus gut mit Essen und Wein beladen hatten. Heute geht es nun weiter Richtung Norden. Als nächstes warten einige Tage in Schweden auf mich. In Storlien werde ich meine Freundin Isabel treffen, die dann gemeinsam mit mir in Richtung Blåfjell aufbrechen wird, das erste weglose Gebiet auf meinem Weg nach Norden.

4 Gedanken zu “Sommerpause

  1. Anonymous

    Hey, grad sind wir am Lindesnes Fyr, dem Start deiner Tour und dem Ziel unserer Reise angekommen. Das Wetter ist nicht so gut, es regnet heftig. Nun bleiben noch ein paar Tage im Süden und dann mit der Fähre zurück nach Dk. Alles Gute für deine weiteren Strecken. Deine Oestreich’s aus Gross Vollstedt

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