Über Stock und Stein, durch Matsch und Wasser – der Weg über die Setesdal Vestheiane

Die erste große Hürde ist genommen. In den vergangenen sechs Tagen bin ich von Ljosland übers Fjell nach Bykle gelaufen, sitze nun 20km weiter in der gemütlichen Berdalsbu und gönne mir einen halben Pausetag. Draußen pfeift der Wind um die Hütte, gelegentlich prasselt ein Regenschauer an die Scheiben. Hier drinnen knistert der Ofen und der Kakao schmeckt vortrefflich.

Es waren besondere Tage oben in den Bergen, geprägt von wechselhaftem Wetter, herzlichen Begegnungen, einigen abenteuerlichen Flussquerungen und vor allem mit viel, viel Matsch.

Am Montag bin ich im dichten Nebel in Ljosland gestartet. Eigentlich sollte ich nach kurzen zwei Kilometern auf der Straße den Wanderweg erreichen. Nach 5 Tagen auf dem Asphalt hatte ich mich darauf wirklich gefreut. Aber ich hatte meine Rechnung ohne die regen Bautätigkeiten der norwegischen Energiebranche gemacht. Und so fand ich mich statt auf dem Wanderweg plötzlich in einer riesigen Staudammbaustelle wieder. Ein wenig irritiert war ich schon, spätestens als die ersten großen Maschinen an mir vorbeirollten. Ich bin wirklich nicht groß und plötzlich kam ich mir trotz des großen Rucksackes noch winziger vor. Ein kurzes Gespräch mit einem Kranführer, brachte mich zumindest in sofern weiter, als dass ich nun wusste, dass ich zumindest am Ende der Baustelle den Wanderweg wiederfinden sollte. Schließlich hat es nicht weniger als 8km gedauert, bis ich endlich am Ende eines scheinbar endlosen neuangelegten Schotterweges meinen langersehnten Wanderpfad getroffen habe. Dass ich diesen nach nur wenigen Kilometern im dichten Birkengestrüpp dann auch gleich wieder (und nicht zum letzten Mal) verloren habe, ist eine andere Geschichte. Dennoch, ich habe meinen ersten Tag im Fjell schlussendlich sehr genossen und glücklich am Abend mein Zelt aufgebaut und die letzten Sonnenstrahlen mit Blick auf die Berge und Seen genossen. Am Dienstag habe ich es sehr ruhig angehen lassen und habe mich nach nur 7km entschieden, den weiteren Tag in der Gaukhei Hütte zu verbringen. Nach insgesamt 6 langen Wandertagen tat es gut einfach mal zu lesen, Tee zu trinken und dem Körper ein wenig Regenerationszeit zu gönnen. Gerade als mir am späten Nachmittag ein klein wenig langweilig zu werden schien und ich zudem gerade Kaffee gemacht hatte, stand plötzlich Stefan in der Tür. Stefan ist Norweger, lebt in der Nähe von Røros und läuft ebenfalls Norge på Langs. Was auch sonst, so viele andere Menschen zieht es zu dieser Jahreszeit noch nicht ins Fjell. Gegen Abend wurde unsere Runde dann noch um Pauline erweitert, eine junge Deutsche, mit der ich schon vor Beginn der Tour in Kontakt stand. Pauline ist mit ultraleichtem Gepäck unterwegs und daher wahnsinnig schnell. Sie ist drei Tage nach mir in Lindesnes gestartet und hatte mich doch schon eingeholt. Somit waren wir schon zu dritt. Soviel zu der Frage, wie ich mit dem vielen Alleinsein klarkommen würde….

Mittwoch sind wir mehr oder weniger gemeinsam durchs Fjell Richtung Norden gelaufen. Weniger deswegen, weil beide auf Grund von leichterem Gepäck deutlich schneller unterwegs waren. Aber was soll’s, ich lasse mir mehr Zeit und genieße derweil die Landschaft. Vielleicht sollte ich die Sache mit der Ultraleichtausrüstumg doch noch mal überdenken. Nach zahllosen Flußquerungen, kilometerlangen Matschpassagen und einem 3km langen Umweg meinerseits (auf der Suche nach einer vernünftigen Watstelle) bin ich abends in Øyuvsbu angekommen.

Für Donnerstag waren Gewitter angekündigt, sodass ich eigentlich einen Pausetag eingeplant hatte. Da sich der Wetterbericht aber gerne stündlich ändert und die Front mittags durchgezogen war, habe ich mich gemeinsam mit Pauline am Mittag doch noch auf den Weg gemacht. Im dichten Nebel und von gelegentlichem fernen Donnergrollen begleitet, ging es für uns weiter gen Norden. Die folgende Passage, hatte mir im Vorfeld einiges Kopfzerbrechen bereitet und das aus gleich mehreren Gründen: 1. Das Wasser: nach dem Regen der vergangenen Tage, stand das Wasser in den Flüssen sehr hoch. Nun war auf der Karte eine Watstelle gekennzeichnet, was vermuten ließ, dass hier der Fluss schon bei wenig Wasser nicht einfach zu queren ist. Zumindest war das meine Mutmaßung, denn auf dem bisherigen Weg (der durchaus einige Flußquerungen bereithielt) war keine entsprechende Stelle eingezeichnet. 2. Die fehlende Sommerbrücke bei Svartenut. Es gibt im Norwegen Ganzjahresbrücken und Sommerbrücken. Zweitere werden im Herbst demontiert und dann im Sommer, meist Ende Juni, wieder aufgebaut. Mein Mailverkehr mit dem DNT Sør (die Sektion des norwegischen Wandervereines, die für diese Brücke zuständig ist), hatte lediglich ergeben, dass die Brücke vor dem 21.6. aufgebaut sein würde. Wann genau, war nicht klar. Nun schwang also bei jedem Meter, den wir zurücklegten die Frage mit, ob die Brücke da sein würde und wenn nicht, ob der Fluß auch ohne Brücke querbar wäre. Womit wir dann wieder bei Punkt 1 wären. 3. Der Schnee: Ganz am Ende der folgenden Etappe gab es einen Pass, der über 1300m hoch ist. Je nach Hanglage, kann zu dieser Zeit da oben durchaus noch Schnee liegen. Meine Recherche im Vorfeld hat auch noch eine Schneehöhe vom 50cm-1m angezeigt. Grundsätzlich kann man Schneefelder auch ohne Skier und Schneeschuhe überqueren, es gibt aber einige Risiken, die nicht zu unterschätzen sind. Diese reichen von unsichtbaren Unterspülungen bis zu Geröllfelder, die sich unter einer brüchigen Schneedecke verstecken können. Alles in allem stand uns also ein Abschnitt bevor, der durchaus früher oder später, nach 5, 15 oder eben auch 25km ein jähes Ende finden könnte und uns zum Umdrehen und einem Umweg von mehreren Tagen zwingen würde.

Um so nervöser war ich, als ich durch den dichten Nebel stapfte, immer begleitet von dem charakteristischen satten Sauggeräusch, dass Wanderstiefel in nassem Matsch verursachen. Und wie meist, wenn man sich im Vorfeld viele Gedanken macht, ging alles gut: Die Watstelle war tief, aber ok und die Brücke bei Svartenut war zumindest in ihrer Rohform vorhanden. Damit waren die zwei großen Hindernisse des ersten Tages genommen. Am Freitag strahlte zum ersten Mal seit Tagen die Sonne vom Himmel. Da sehen die Bäche auch gleich nicht mehr so bedrohlich aus und der Matsch trocknet relativ schnell ab. Wir waren entsprechend schnell unterwegs und hatten bereits am späten Vormittag die ersten 10km hinter uns gebracht. Am Nachmittag lag dann nur noch die Passhöhe vor uns. Aber auch hier blieb uns das Glück treu: Es gab kaum Schnee und wir konnten bei bestem Wetter die Aussicht ins Tal genießen. Somit war sie geschafft, die Setesdal Vestheiane. Und auch wenn ich hier nur von den kritischen Passagen berichte, gab es doch unzählige besondere Momente, traumhafte Ausblicke und immer wieder das Gefühl, genau zur richtigen Zeit am richtigen Ort zu sein.

Wir stiegen noch einige Stunden ab, bauten unsere Zelte schließlich unterhalb der Baumgrenze an einem mit Birken gesäumten, rauschenden Bach auf und nutzen die letzten Sonnenstunden für ein (sehr erfrischendes und daher kurzes) Bad. Und auch die Socken haben mal ein bisschen Wasser gesehen.

Am Samstag ging es dann im strömenden Regen erst den Wald hinunter und dann die Straße entlang nach Bykle. Nach einem kurzen Zwischenstopp in der Tankstelle (mit einem Burger, der wirklich ok war), hieß es dann noch weitere 12km auf der Straße entlang und dann auf der anderen Seite des Tales zurück in den Wald. Nach insgesamt 30km hatten wir wirklich genug Kilometer zurückgelegt und bauten (immer noch im Regen) unsere Zelte auf.

Am Sonntagmorgen hieß es erst einmal Abschied nehmen. Während ich lediglich die 5km bis zu dieser Hütte auf dem Plan hatte, wollte Pauline noch weiter. Es waren schöne gemeinsame Tage und ich hoffe sehr, dass wir uns irgendwann im Laufe des Sommers wieder treffen und ein paar weitere Kilometer zusammen laufen. Das wird aber wohl nur passieren, wenn sie irgendwo noch mal eine Extrarunde dreht. Sie ist einfach so verdammt schnell…

Für mich geht es morgen früh weiter gen Norden, der Aufstieg zur Tjørnbrotbu und der weitere Weg nach Rjukan warten auf mich. Ich bin jetzt schon ein wenig gespannt und freue mich auf zwei weitere Tage in den Bergen. Jetzt gibt es aber erstmal einen weiteren Kakao, eine Portion Pfannkuchen und dann eine Mütze voll Schlaf.

14 Gedanken zu “Über Stock und Stein, durch Matsch und Wasser – der Weg über die Setesdal Vestheiane

  1. Mega schön deinen Bericht zu lesen. Das weckt so viele Erinnerungen an unsere Zeit….
    Die Gedanken mit dem Ultraleichtgepäck hatten wir auch, als wir Alex getroffen haben und er uns ständig davonrannte😂 Aber du kommst beeindruckend schnell voran.
    God tur!

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    1. Ja, ich habe nie daran gedacht andere Ausrüstung mitzunehmen, als die, die ich dabeihabe. Und hättest du mich vor ner Woche gefragt, hätte ich sicherlich sofort abgewunken, wenn es um Ultraleichtgepäck ging. Aber wenn da so jemand locker leicht vor die herläuft und du dich wie ein Schwertransporter fühlst, kommt man schon kurz ins Grübeln😂…

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      1. Hej.
        Tusen takk dass Du uns mitnimmst auf die Tour! Da kommen viele Erinnerungen an mein NPL hoch!!
        Den Gewichtsüberschuss wirst Du mit Sicherheit auch mal als nette Komfortzone nutzen können. Es gibt Vor- und Nachteile auf beiden Seiten.Und im übrigen, ich weiss gar nicht warum die Leute so durch’s Fjell rennen wollen ;-). Geniess die Zeit da draussen und nimm sie Dir auch, sie ist viel zu schnell vorbei und es gibt soviel zu erleben… ut pa tur 🌞

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  2. luhewiese

    Hallo Swantje,
    Hut ab! Ich finde das total klasse, was Du machst und wie Du darüber berichtest und verfolge Deine Tour mit grossem Interesse. Vor zwei Jahren habe auch ich mir meinen Traum erfüllt und bin mit dem Fahrrad zum Nordkap geradelt. So eine lange Tour macht schon etwas mit einem. Ich wünsche Dir weiterhin viel Glück auf Deinem Weg, tolle Begegnungen und Erlebnisse. Und ich freue mich auf weitere Berichte und schöne Fotos.
    Andreas
    (aus Winsen an der Luhe)

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  3. Holger Radtke-Oestreich

    Hey Swantje, wir sind mit dem Wohnmobil auf dem Weg durch Schweden, Finnland und Norwegen. Ziel ist das Nordkap. Wir lesen gern deine Berichte und wünschen dir eine tolle Zeit. Deine Gross Vollstedter Bianca und Holger Oestreich

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  4. Iris

    Danke für den schönen Bericht, ich habe ihn mit Begeisterung gelesen und freue. Ich schon auf den nächsten. Weiterhin alles gute auf deinem Weg.
    Ich glaube alleine bist du nie, in Gedanken sind sehr viele Menschen an deiner Seite.
    Gruß Iris

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  5. Julia Breuer

    Swantje,
    super, wie du schreibst und mich in die norwegische Fjelllandschaft mitnimmst. Wie waren ja nie zusammen auf Tour, aber jetzt begleite ich dich ein Stück weit. Diese Hütten sind aber auch schnuckelig!
    Ut pa tur, aldri sur.
    Gutes Voranschreiten.
    LG Julia (OC)

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  6. Elke Tripke

    Liebe Swanfje,
    ich lese mit Spannung und Freude Deinen Reisebericht. Es macht großen Spaß, Dir und Deinem Weg auf diese Weise zu folgen. Du schreibst sehr lebendig und durch die Bilder wird dies noch verstärkt.
    Wünsche Dir weiter gutes Gelingen, viele nette Menschen, die Dich (zumindest zeitweise) begleiten und stets ausreichend heißen Kakao 😊.
    💜liche Grüße aus Düsseldorf
    Elke

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